Religionen

Christentum in der Schweiz

Christentum in der Schweiz ist sowohl durch seine zwei Gross- bzw. Volkskirchen, der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Kirche, als auch durch die grosse Pluralität vieler weiterer Kirchen und Gemeinschaften gekennzeichnet. Während die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte Kirche seit Jahrhunderten auf Schweizerischem Territorium ansässig sind, ebenso einige pietistische Gemeinden, kamen weitere Kirchen verstärkt im 19. und 20. Jahrundert hinzu. Christliche Kirchen haben über lange Zeit Kultur, Sozialleben und Politik der Schweizerischen Kantone entscheidend geprägt und sind auch gegenwärtig durch staatskirchenrechtliche Verträge wie auch als Arbeitgeber wichtige Akteure und Institutionen im gesellschaftlichen und politischen Leben der Schweiz.

Zahlen - Rückgang kirchlicher Zugehörigkeit

Noch 1970 gehörten den verschiedenen christlichen Kirchen 97,8% der Schweizerischen Bevölkerung an. Dreissig Jahre später, im Jahr 2000, hatte sich der Anteil auf 79,3% verringert. Hauptgründe für den Rückgang kirchlicher Zugehörigkeit sind eine deutliche Zunahme der Rate von Kirchenaustritten. Insbesondere die reformierten Kirchen verloren von 1970 mit 46,5% bis 2000 mit 33% mehr als ein Viertel ihrer Mitglieder, im Jahr 2000 gehörten ihr 2,4 Millionen Mitglieder an. Der Anteil an Katholiken verringerte sich lediglich von 49,5% (1970) auf 42% (2000), Zuwanderungen aus Italien, Portugal, Spanien und weiteren katholisch geprägten Ländern wie auch eine z.T. stärkere Kirchenbindung liessen den Rückgang moderater als bei den Reformierten ausfallen. Der katholischen Kirche gehörten im Jahr 2000 etwas mehr als drei Millionen Mitglieder an. Im gleichen Zeitraum nahm der Anteil an Personen ohne religiöse Zugehörigkeit von 1,1% (1970) auf 11,1% (2000) markant zu. Auch der Anteil an Personen in nicht-christlichen Gemeinschaften erhöhte sich infolge von Migration von 0,7% (1970) auf 5,3% (2000).

Vielfalt der Christentümer

Die "neben" den zwei Grosskirchen vorhandene Vielfalt an 'Christentümern' wird angesichts der z.T. starken gesellschaftlichen Stimme und der gut organisierten medialen Präzens der römisch-katholischen und der evangelisch-protestantischen Kirchen oft nicht wahrgenommen. Seit dem 19. Jahrhundert sind mit evangelikalen Freikirchen, christlichen Sondergruppen wie Zeugen Jehovas, Neuapostolische Kirche, Siebten-Tags-Adventisten und den Mormonen, der christkatholischen Kirche und anglikanischen Kirchen eine Vielzahl von christlichen Gruppierungen und Kirchen ansässig. Infolge der Zuwanderungen im 20. Jahrhundert kamen christlich-orthodoxe Kirchen aus Griechenland, Serbien, Russland, der Turkei und weiteren Ländern hinzu und etablierten ihre sprachlich-kulturell-nationalen Kirchen. Insgesamt ist der Anteil dieser vielen verschiedenen Kirchen mit 4,5% (2000) zahlenbezogen gering; orthodoxe Kirchen haben hier mit 132'000 Mitgliedern (1,8%) und evangelikale Freikirchen mit gut 100'000 Mitgliedern (1,4%) den stärsten Anteil.
Die nachfolgende Tabelle zeigt die Anzahl und den prozentualen Anteil an der Schweizerischen Gesamtbevölkerung im Detail:

Anzahl und prozentuale Verteilung von Christen in der Schweiz, Eidgen. Volkszählung 2000

Herausforderungen

In den vergangenen 40 Jahren haben die christlichen Landeskirchen ihr Monopol in "Sachen Religion" verloren und sehen sich einer wachsenden innerchristlichen Vielfalt wie auch religiösen Pluralität gegenüber. Für die christlichen Kirchen gilt es, sich gegenwärtig zahlreichen gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen: die schwindende Mitgliederzahl in den Landeskirchen reduziert auch die Einnahmen an Kirchensteuern und damit das sozialkulturelle Engagement; die römisch-katholische Kirche ist durch die Missbrauchsskandale in ihrer Autorität in Frage gestellt und sieht sich nachdrücklichen Anfragen an den Zöllibat ausgesetzt; die zunehmend vorzufindende Religionsvielfalt stellt Anfragen an die eigene religiöse Identität und lässt den interreligiösen Dialog zu einer wichtigen Aufgabe werden; evangelikale und charismatische Gemeinschaften verzeichnen verstärkten Zuspruch insbesondere bei den Jüngeren und führen zu Konkurrenzsituationen und Spannungen im reformierten Lager; christliche Sondergruppen vermögen zwar weiterhin ihre Mitglieder vornehmlich in den eigenen Familien, durch eine hohe Bindekraft und z.T. durch Mission zu gewinnen, doch ist die einstige starke gesellschaftliche Absonderung weit weniger möglich als vor Jahrzehnten; gesellschaftliche Veränderungen wie die Anerkennung des Konkubinats und gleichgeschlechtlicher Paarbeziehungen werden seitens römisch-katholischer wie auch evangelikaler Kirchenleitungen aktiv bekämpft, dürften aber nicht mehr zurückzudrängen sein; die christlichen Migrationskirchen, seien es afrikanische Pfingstler, orthodoxe Kirchen oder katholische 'Missionen' benötigen Räume, konkret gesprochen wie auch symbolisch durch verstärkte Wahrnehmung und Anerkennung ihrer Besonderheit; der innerchristliche Dialog weist klare Grenzen praktizierter Ökumene auf, wird oftmal zu intellektuell-theoretisch geführt und kann nur kleine Schritte des Entgegenkommens verzeichnen; vornehmlich Männer, weit weniger Frauen, sind in kirchlichen Leitungspositionen und eine ausgeglichendes Frauen-Männer-Verhältnis ist nur in Ausnahmefällen anzutreffen. Christentum in der Schweiz ist im 21. Jahrundert die Aufgabe gestellt, angesichts innerchristlicher Vielfalt und Spannungen sowie Prozessen religiöser Pluralisierung und gesellschaftlicher Veränderungen, seinen Platz in der modernen Gesellschaft neu zu definieren und Positionen von Mitsprache und Bedeutung zu artikulieren.

Literatur (Auswahl)

Einzelkapitel zur römisch-katholischen Kirche, zu den evangelisch-reformierten Kirchen, zu den Evangelikane, zu christlichen Sondergruppen und zu den orthodoxen Kirchen in der Schweiz, in: Baumann, Martin/Stolz, Jörg, Eine Schweiz - viele Religionen, Bielefeld: transcript 2007, S. 100-174.

Altermatt, Urs, Katholizismus und Moderne. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweizer Katholiken im 19. und 20. Jahrhundert, Zürich: Benziger 1991.

Busch, Eberhard, Reformiert. Profil einer Konfession, Zürich: TVZ 2007.

Favre, Olivier, Les Eglises évangéliques de Suisse, origines et identités, Labor et Fides: Genève 2006

Institut für Ökumenische Studien (Hg.), Orthodoxie in der Schweiz. Referate einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz am 9./10. März 2001 in Zürich, Freiburg: Universität/ISO 2002.

Karrer, Leo, Katholische Kirche Schweiz. Der schwierige Weg in die Zukunft, Fribourg: Universitätsverlag, Paulsverlag 1991.

Krieg, Matthias/Zangger-Derron, Gabrielle (Hg.), Die Reformierten. Suchbilder einer Identität, Zürich: TVZ 2002

Migratio (Hg.), Katholische Ostkirchen in der Schweiz. Unierte Kirchen - kennen wir sie? Luzern: migratio 2004.

Neuner, Peter, Ökumene zwischen "postmoderner Beliebigkeit" und "Rekonfessionalisierung", Münster: Lit 2006.

Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK (Hg.), Neue Migrationskirchen in der Schweiz Bern: Büro + Webdesign 2009.
Symbol für Blatt Studie als download.

Schmid, Georg/Schmid, Georg Otto (Hg.), Kirchen, Sekten, Religionen. Religiöse Gemeinschaften, weltanschauliche Gruppierungen und Psycho-Organisationen im deutschen Sprachraum, 7. überarbeitete und ergänzte Auflage. Zürich: Theologischer Verlag Zürich 2003.

Strahm, Doris/Kalsky, Manuela (Hg), Damit es anders wird zwischen uns. Interreligiöser Dialog aus der Sicht von Frauen, Mainz: Matthias Grünewald Verlag 2006.

Weibel, Rolf, Katholikinnen und Katholiken vor der evangelikalen Herausforderung, Luzern/Balgach: Schweizerische Kirchenzeitung 1995

© Martin Baumann

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Die reformierten Kirchen werden weiter schrumpfen und im Jahr 2050 nur noch 20% Kirchenmitglieder haben, besagt eine neue Studie des Observatoire des religions en Suisse (Lausanne). Reformierte müssten ihr Profil schärfen, klarer sagen wofür sie stehen, ihr Kirchenverständnis erklären, das könnte "einige Leute wieder in die Kirchen holen" führt Prof. Jörg Stolz aus.
Symbol: WebseiteInterview mit Prof. Stolz zu der Kirchenstudie im Auftrag der SEK, 4/2010.

Symbol: WebseiteHomepage des Observatoire des religions en Suisse

Neue Migrationskirchen in der Schweiz - die Studie des Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK 2009 zeigt auf, dass es über 300 Migrationskirchen in der Schweiz gibt und dass sie ganz verschiedene Auffassungen von christlichem Glauben und Ritus mitbringen.
Symbol: WebseiteNeue Migrationskirchen in der Schweiz, 2009 [auch als download]

Eine Studie des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) 2008 besagt, dass für die Lage der katholischen Kirche der Mangel an Priestern und Ordensleuten dramatischere Konsequenzen hat als der Mitgliederschwund.
Symbol für Blatt "Priestermangel in der katholischen Kirche verschärft sich", NZZ Online vom 9.1.2008(pdf).

Symbol: WebseiteHomepage des SPI

Adressen (Auswahl)

Evangelisch-reformierte Kirchen in der Schweiz
Symbol für Webseitewww.ref.ch

Römisch-Katholische Kirche
Symbol für Webseitewww.kath.ch

Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz
Symbol für Webseitewww.agck.ch

Christkatholische Kirche
Symbol für Webseitewww.christkath.ch

Evangelium in Radio und Fernsehen
Symbol für Webseitewww.erf.ch

Orthodoxe Kirchen in der Schweiz
Symbol für WebseiteAdressen orthodoxer Kirchen

Orthodoxie Schweiz, Webportal (privat)
Symbol für Webseitewww.orthodoxie.ch (mit Verzeichnis von Gemeinden)

Schweizerische Evangelische Allianz
Symbol für Webseitewww.each.ch

Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund
Symbol für Webseitewww.sek-feps.ch

Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut
St. Gallen
Symbol für Webseitewww.spi-stgallen.ch

Verband evangelischer Freikirchen und Gemeinden in der Schweiz
Symbol für Webseitewww.freikirchen.ch

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Letzte Aktualisierung: 04.01.2012